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Anna Ehrenstein 'THE BALKANIZATION OF THE CLOUD'

Anna Ehrenstein
mit Lux Venérea and Jonathan Omer Mizrahi
Solo exhibition 
15.9. – 22.10. 2022
 
Wed – Fri 15 – 18 Uhr
Opening Thursday, 15.09. – 6 – 9 pm

Opening Hours Berlin Art Week
September 15. – 18., 2022
Thu-Sun, 12 – 6 pm

 

 

Da digitale Souveränität zu einem immer dringlicheren Thema wird, wird die Cloud, die oft als immateriell, überall und nirgends, als post-nationalstaatlich wahrgenommen wird, schnell zu einer lokalisierten Infrastruktur und zum Ort des politischen Einflusses staatlicher Akteure. 

Marktakteure und Nationalstaaten befinden sich in einem Spiel der Umgehung und Behauptung von Zuständigkeiten, dem Ausweichen und Durchsetzen von Vorschriften und wetteifern um Kontrolle sowie Soft-Power über die elektronische Datenverarbeitung und die Cloud.

The Balkanization of the Cloud bezieht sich auf die Aufsplitterung der Cloud in nationale Souveränitäten, die ihre Datenströme und Infrastrukturen regulieren. Verschiedene Medien haben den Begriff Balkanisierung als abwertende Bezeichnung für das Eindringen eines vermeintlichen Nationalismus in den Traum oder die ideologische Wahnvorstellung von einer liberalen, globalisierten Cloud verwendet. Der Balkan wird nicht nur zum Glitch für die Europa-Idee, sondern auch für die Idee eines globalen Internets, das nur durch die Marktwirtschaft reguliert wird und frei von der Geopolitik der Nationalstaaten ist. Während die Fragmentierung des Balkans in eine Vielzahl von Nationalstaaten und Souveränitäten als Ergebnis lokaler ethnischer Konflikte dargestellt wird, verdeckt diese Vorstellung die geopolitischen Hintergründe sowie den imperialistischen Einfluss und die Interessen in diesem Prozess.

Ehrenstein macht sich den Begriff der Balkanisierung für die Ausstellung auf satirische Weise zu eigen, um zu untersuchen, wie die Interessen der Nationalstaaten und des Nationalismus nicht nur durch die nationale Gerichtsbarkeit über Datenströme in unser Netz eindringen, sondern auch durch die Instrumentalisierung der zeitgenössischen Kulturproduktion im Netz durch staatliche Akteure. 

Die Videoarbeit „The Nationstate as Instagram Influencer“ verknüpft drei verschiedene Darstellungen des staatlich geförderten Nationalismus im Internet miteinander. In einem ersten Abschnitt sehen wir, wie Ehrenstein und ihre Großeltern angebliche „EU-Werte“ wiederholen, die von EU-Agenturen und -Initiativen verbreitet werden, indem sie beispielsweise junge Albaner dafür bezahlen, dass sie auf Instagram über diese Werte als etwas Erstrebenswertes sprechen. Ein zweiter Abschnitt präsentiert eine Persiflage der Künstlerin Lux Venérea auf Jair Bolsonaros Anti-LGBTQI+- und Anti-PT-ismus-Propaganda, die über gekaufte WhatsApp-Kettennachrichten verbreitet wird. Und ein dritter Abschnitt befasst sich mit dem Pink- und Vegan-Washing des israelischen Staates durch einen Reise-Vlog aus der Perspektive von Jonatan Omer Mizrahi, der zu einem ökologischen israelischen Weingut und einer Künstlerresidenz in der besetzten Westbank reist. Influencer werden eingeladen, staatlich geförderte und inszenierte Urlaube zu teilen, die Schwulenfreundlichkeit und ökologische Interessen fördern, um von der brutalen systematischen Unterdrückung der Palästinenser abzulenken. 

Alle drei Teile wurden von jedem Autor einzeln verfasst und verstärken die lächerlichen, manchmal dilettantischen und sofort veraltet wirkenden Formen dieser Psyops, die den Nationalstaat als manipulativ und verschlagen darstellen.

Ein zweites Video, „The Hypnotization of the Cloud“, versucht, dem Betrachter die nationalistische Ideologie durch eine Virtual-Reality-Hypnose auszutreiben. Zur Vorbereitung auf die Arbeit ließ sich Ehrenstein am „Institut für Entspannungstechniken und Kommunikation“ zur Hypnotherapeutin ausbilden und zeigt neben dem Video das erworbene Diplom. In dem 360-Grad-Video fungiert der von Ehrenstein direkt angesprochene Betrachter als Stellvertreter für neuronale Netzwerke, die die Künstlerin zu hypnotisieren versucht, um nationalistische Vorstellungen zu verlernen. Die Arbeit spielt mit dem Konzept der Neuroplastizität, das, wie z. B. Catherine Malabou zeigt, sowohl auf das menschliche Gehirn als auch auf die moderne Computertechnik Anwendung findet. Die Tatsache, dass der Betrachter sich auf einen Sessel legen und ein VR-Headset aufsetzen muss, ruft gleichermaßen Bilder der Neurowissenschaften und der Gehirnwäsche hervor.

Ergänzt werden die Videos durch die Textilarbeiten „Balkanization Fiber“, die Bilder aus den beiden Videos aufgreifen und sie de-virtualisieren und so den Glitch, sowohl konzeptionell als auch ästhetisch, aus dem digitalen in den physischen Raum übertragen. 

„Network Weaving“, eine Serie von Arbeiten aus Silikon und gewebten LAN-Kabeln, dient als Kontrapunkt innerhalb der Ausstellung und verweist auf ein alternatives Verständnis von vernetzten Technologien und ihrem emanzipatorischen Potenzial. Sie verweisen auf philosophische und kosmologische Vorstellungen vom Weben als Symbol für spezies- und  generationsübergreifende oder planetarische Verbindungsmuster. Aber auch auf die Praxis des Webens, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Programmierens und der Computertechnik zieht, wie der Jacquard-Webstuhl als vorautomatisiertes Handwerk, lange vor der Computerwissenschaft. Weben als Programmieren ist hier eine Geste in Richtung kollektiver, vernetzter und rhizomatischer Strukturen der Interdependenz.

Text: Felix Ansmann

Photo: Katharina Kritzler

Anna Ehrenstein
with Lux Venérea and Jonathan Omer Mizrahi

„The Balkanization of the Cloud“, 15.09. – 22.10.2022

 

As digital sovereignty becomes an increasingly pressing issue, the cloud, often perceived as immaterial, everywhere and nowhere, post-nationstate, quickly rematerializes as localized infrastructure, as well as the site of political influence of state-actors. Market actors and nationstates are in a game of circumventing and asserting jurisdiction, of evading and enforcing regulation, vying for control and soft-power over the computing environment and the cloud. 

The Balkanization of the Cloud refers to the fragmentation of the cloud into national sovereignties, regulating its data-flows and infrastructure. Various media outlets have used Balkanization here as a derogative catch-all for the encroachment of supposed nationalism into the dream, or, ideological delusion, of a liberal, globalized cloud. The Balkans become not just the glitch to the EUropean idea, but also to the idea of a global internet regulated only by market economics and free of the geopolitics of nationstates. While the fragmentation of the Balkans into a multiplicity of nationstates and sovereignties is framed as the result of local ethnic conflicts, this notion obscures geopolitical underpinnings and imperialist influence and interests in this process. Ehrenstein satirically appropriates the notion of Balkanization for the exhibition to explore how the interests of nationstates and nationalism seep into our web not only through national jurisdiction over data-flows, but the instrumentalization of contemporary cultural production on the web by state-actors. 

The Nationstate as Instagram Influencer stitches together three different accounts of state- sponsored nationalism on the internet. A first section sees Ehrenstein and her grandparents repeating affirmations of supposed „EU values“, disseminated by EU agencies and initiatives, for example by paying young Albanians to talk about them on Instagram as something to aspire to. A second section presents a persiflage lip sync by artist Lux Venérea of Jair Bolsonaro’s anti- LGBTQI+ and anti-PT-ism propaganda spread via purchased WhatsApp chain messages. And a third section deals with the pink- and vegan-washing of the Israeli state through a travel vlog from the perspective of Jonatan Omer Mizrahi, as he travels to an ecological Israeli winery and artist residency in the occupied Westbank. Influencers are invited to share state sponsored and orchestrated holidays, promoting gay-friendlieness and ecological interests to distract from the brutal systematic oppression of Palestinians. All three parts are scripted by each author individually and amplify the ridiculous, sometimes amateurish and immediately outdated-feeling forms these psyops take, portraying the nation-state as manipulative and crafty. 

A second video, The Hypnotization of the Cloud, attempts to exorcise nationalistic ideology from the viewer through virtual-reality hypnosis. In preparation for the work, Ehrenstein trained as a hypnotherapist at the „Institut für Entspannungstechniken und Kommunikation“ (Institute for relaxation methods and communication communication), showing the acquired diploma alongside the video. In the 360-degree video, the viewer, directly addressed by Ehrenstein, acts as a stand-in or proxy for neural networks, which the artist attempts to hypnotize in order to unlearn nationalistic ideas. The work plays on the concept of neuroplasticity, which, as for example Catherine Malabou shows us, applies both to human brains as well as to state of the art computing. The fact that the viewer has to lay down on a lounge chair and put on a VR headset equally evokes imagery of neuroscience and of brainwashing. 

The videos are complemented by textile works Balkanization Fiber that take imagery from the two videos and de-virtualize them, taking the glitch, both conceptual and aesthetic, from the digital to physical space. 

Network Weaving, a series of works made from silicone and woven LAN cables serve as a counterpoint within the exhibition, pointing towards an alternative understanding of networked technologies and their emancipatory potential. They reference philosophical and cosmological notions of structures of weaving as symbolizing inter-species, inter-generational, planetary patterns of connection, but also the practice of weaving as a central thread through the history of programming and computation, as the Jacquard Loom, but also as pre-automation crafts, long before computer science. Weaving as programming, here, gestures towards collective, networked, and rhizomatic structures of interdependency.

Text: Felix Ansmann

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